Petards

Künstler verfassen irgendwann im Herbst ihres Lebens ein Buch über sich.
Daß Journalisten ein Buch über Künstler schreiben, und schon während ihrer Karriere, ist selten.

Über die Petards gibt es ein solches Buch.

Wenn man aber ein Buch über eine Band verfaßt, sollte die Hauptsache, die Musik selbst, nicht ausgespart werden. Deswegen ergänze ich, was hier nur am Rande erwähnt wird.

Ich hatte am 1. September 1959 mit der Bertelsmanntochter Ariola einen Produzentenvertrag abgeschlossen.

In jener Zeit war das Zentrum der Musik in Hamburg. Dort waren fast alle großen Schallplatten-Firmen, da waren auch die meisten Musikverlage. Und zu der Zeit war Musik noch Handarbeit, Computer gab es noch nicht, die Aufnahmen wurden auf Bandmaschinen gespeichert, und unser wesentliches Problem war das Bandrauschen.

Ich nahm die Aufnahmen für Ariola im Studio der Real-Film in Hamburg auf: Zu den Musikern meines Studio-Ochesters gehörten Hansi <James> Last am Baß, Billy Mo an der Trompete u.a.

Weil meine ersten drei Ariola-Platten sofort in den <Aktuellen 50> der Musikzeitungen nach oben schnellten, blieb das der Branche nicht verborgen, zumal ich als Textdichter des damiligen Filmkomponisten Peter Igelhoff  schon bekannt war. Die Musikverlage bemühten darum, Titel meiner Produktion in Verlag zu bekommen.
Die Verlage hatten für mich aber aber auch eine andere Bedeutung, weil sie Erfolgstitel in Form von Noten für die Tanzkapellen und Alleinunterhalter veröffentlichten und wir Notensatz erstellten.

In den 60er Jahren redete man in Hamburg viel über die Beatles und deren ungewöhnliche Besetzung.
Denn zum deutschen Orchester gehörten nun mal Klavier, Streicher und Bläser.
Und weil plötzlich überall  Beatbands in ähnlicher Besetzung wie Pilze aus dem Boden schossen, lag es für mich nahe auch in der Richtung tätig zu werden.

Gemeinsam mit Harald Göttsche betrieb ich in Hamburg den Orkana-Musikverlag. Er hatte auf St. Pauli ein Speiselokal und einen Imbißpavillon. Bei ihm trafen sich Musiker zum Klönschnack, und die damals noch armen Beatles übernachteten manchmal sogar auch bei ihm.
Weil ich durch die Ariola-Erfolge einige Erfahrung in Sachen Werbung hatte, klinkte ich mich auch in die Werbung für die Beatles ein. Wir druckten Beatles-Briefmarken auf Briefumschläge, brachten auch Streichhölzschachteln mit Beatles-Aufdrucken raus uind legten in unsere Postsachen Handzettel und Beatlesbilder ein, und ich schloß mit der Band einen Vertrag ab, wonach ich Beatles-Lieder in deutscher Sprache nachproduzieren durfte. Denn die Band selbst hatte nur eine deutschsprachige Single auf den Markt gebracht und danach keine weitere.

Weil  die Ariola von mir keine Beat-Aufnamen veröffentlichen wollte, gründete ich mit Harald Göttsche das Label Acondor.

Es stellte sich aber sehr bald heraus, daß man Aufnahmen mit Beatnbands aus Kostengründen nicht in teuren Studios machen konnte.
Denn wenn man den Aufnahmetermin auf morgens 8 Uhr ansetzte, hatte man bis um 12 Uhr noch immer keinen Ton aufgenommen. Mit dem Aufbau der Anlage ließ man sich viel Zeit, die Bands mußten sich dann erst einspielen, kamen oft auch unzureichend einstudiert zur Aufnahme und begannen im Studio damit, die Aufnahmen zu entwickeln.

Oft blieb eines der Autos unterwegs aber auch liegen und man konnte aus dem Grunde nicht beginnen.
Deswegen begann man in vielen Fällen erst nach 5 Stunden mit den ersten Aufnahmeversuchen.
In einem Mietstudio mußte man diese Stunden aber bezahlen. Darüber machten sich die Bands aber  keine Gedanken.
Im Gegensatz dazu spielten meine Studiomusiker vom Blatt ab und hatten ein solch Playback in etwa einer halben Stunde aufgenommen.

Beatbands konnte man also nur mit einer eigenen Anlage aufnehmen und im eigenen Studio, in dem Zeit keine bedeutende Rolle spielte.

Man brauchte dazu zwei Bandmaschinen, viele Mikrophone und einen Verteiler, ein sogenanntes Mischpullt mit vvielen Eingängen. Und alles mußte linear sein, damit der Klang nicht erkennbar verändert wurde. Das Vorbild hatte man in Hamburger Verlagshäusern, denn viele Musikverlage hatten inzwischen eigene kleine Studios eingerichtet.

Stereo-Bandmaschinen mit 38er Geschwindigkeit gab es auf dem Markt. Man hatte die Wahl zwischen der M5 von Telefunken
und der Revox G 36 von Studer. Die G 36 war zwar nicht so bedienerfreundlich, dafür aber wesentlich billiger zu haben. Davon brauchte man zwei. Die erste Maschine benötigte man für die Aufnahme des Playbacks, das man auf die zweite Maschine rüber spielte, um  den Gesang hinzu zu mischen.

Weil Stereo-Bandmaschinen aber nur zwei Stereo-Eingänge hatten, brauchte man ein Zwischenglied mit mehr Eingängen, ein Mischpult. Solche Pulte wurden in den 60er Jahren aber noch von Hand geschaltet und waren kaum zu bezahlen. Das hatte Telefunken wohl erkannt und brachte den Echomixer auf den Markt, allerdings in einer Mono-Version. Man hatte bei diesem Gerät zwar drei Eingänge und konnte auch den Eingangspegel regeln, um Übersteuerungen zu vermeiden, hatte aber nur einen Ausgang und brauchte deswegen zwei Mischeinheiten.

Diese Mixer waren im Grunde nur eine Verteiler-Konstruktion, um mehr Geräte anschließen zu können. Weil sie aber weitgehend linear waren, gab es keine Soundprobleme, sie ersetzten das  große Studiomischpult hinsichtlich des Sounds vollkommen, weil das Signal ja nur durchgeschleift werden sollte.

Um den Sound so aufs Band zu bringen, wie er aus den Boxen kam, stellte man Mikrofone davor und nahm auf diese Weise auf. Denn der Sound wurde nicht im Mischpult erzeugt, sondern durch die Anlage der Band.

Es macht auch wenig Sinn, den Klang der Band über moderne Anlagen zu verändern, denn die Band möchte auf der Aufnahme so klingen wie auf der Bühne.

Um den Gesang aufzunehmen, spielte man von der Playbackmaschine die Musikaufnahme auf die zweite Maschine rüber und mischte den Gesang über die Mixer hinzu. Weil dieses Gerät aber eine Hallspirale besaß, konnte man den Gesang auch verhallen. Auch die großen Studios hatten für Hall laum eine bessere Lösung. Es gab zwar Hallräume, und bei Ariola hatten wir sogar eine Goldplatte, aber besser wurde der Hall eigentlich kaum. Die Bands hatten für die Bühne Hall- oder Echogeräte im Einsatz.

Jetzt sechzig Jahre später kann man zwar über den Computer vieles für den Tonträger bearbeiten, für den Bühnenauftritt hat das aber den Nachteil, daß es dort nicht so klingt.

Wenn Sammler Platten der 60er Jahre teuer ersteigern, mag der Grund darin liegen, daß man darauf noch den unverfälschten Sound von einst hören kann und will.

Das Buch über den Werdegang der Band. Bitte klicken Sie hier