Petards

Manche Künstler verfassen irgendwann im Herbst ihres Lebens ein Buch über sich.
Daß Journalisten ein Buch über Künstler während deren Karriere schreiben, ist eher selten.

Über die Petards gibt es ein solches Buch.

Um aber allen Irritationen aus dem Weg zu gehen, halten wir hier fest, wie es aus unserer Sicht war, denn es bedarf der Nähe zur Band und deren Denkweise, aber auch der Nähe zum Produktionsfeld, er bedarf studiertes Musikwissen und Kenntnis über die Spielweise der Musiker, es bedarf der Kenntnis über damals eingesetzte Insturmente, über technisches Wissen der Studio-Anlagem jener Zeit und Nachbearbeitung der betreffenden Aufnahmen. Ohne dabei gewesen zu sein und ohne das Umfeld zu kennen wird manches falsch dargestellt. Nicht umsonst sitzen in den großen Studios wie der Realfilm, in der ich die Aufnahmen für Ariola machte und in denen viele Hollywood-Filme synchronisiert wurden, hinter dem Mischpult höchstqualifizierte Tonmeister, und die Maschinen wurden von Toningenieuren bedient. Zu den Musikern meines Studio-Ochesters gehörten u.a. Hansi <James> Last am Baß, Billy Mo an der Trompete u.a.

Ich hatte am 1. September 1959 mit der größten europäischen Schallplattefirma, der Bertelsmanntochter Ariola einen Produzentenvertrag abgeschlossen.
In jener Zeit war Hamburg das Zentrum der Musik. Dort waren fast alle großen Schallplatten-Firmen und infolgedessen auch die meisten großen Musikverlage. Musikaufnahmen waren noch Handarbeit, die Musik wurde also noch durch Musikinstrumente erzeugt. Computer gab es noch nicht. Aber Ariola wollte keine Beatmusik.

Die Aufnahmen wurden auf zweispurigen Bandmaschinen gespeichert, deren Geschwindigkeit 38,1 cm pro Sekunde betrug, und das Problem, mit dem wir vorrangig beschäftigt waren, war das Bandrauschen. Wichtig war, daß alle zwischen Mikrofon und Bandmaschine geschalteten Aufnahmeglieder, also Mischpult und Bearbeitungsgeräte, linear waren, um Verfälschungen zu vermeiden.

Ich hatte zwei 38er Stereo-Bandmaschinen, wie man sie in jedem Studio damals hatte und nahm mit den MD 421-Mikrofonen von Sennheiser auf, ein Standardmikrofon vieler Studios, das sogar noch heute nach 60 Jahren von Studios und Sendern verwendet wird. Soweit entsprach meine Anlage der gängigen technischen Studioeinrichtung.

Um den Sound der Aufnahmen so aufs Band zu bekommen und auf die Spuren zu verteilen, wie er aus den Musik-Boxen kam, war ein Verteiler nötig, also ein lineares Stereo-Mischpult. Soetwas wurde damals aber von Firmen wie Philips und Telefunken noch von Hand gebaut, also speziell angefertigt und unbezahlbar. Die einzige verfügbare Lösung auf dem Markt waren sogenannte Echomixer, also Monogeräte mit drei Eingängen, einer Hallspirale und einem Mono-Ausgang. Davon brauchte man zwei, also für jede Maschinenspur einen Kanal.

Diese Mischer waren elektrisch eigentlich nur zum Zusammenführen mehrerer Quellen bestimmt, aber sie waren nahezu linear, verfälschten die Aufnahme also nicht, so daß man das auf Band bekam, was aus den Boxen heraus kam. Sie erfüllten also ihren Zweck und für mich als einstiger Rundfunkmechniker, der den Bau von Radios erlernt hatte, eigneten sich diese Zwischenglieder problemlos. Wenn diese Mixer für den Betrachter auch recht primitiv aussahen, so waren sie technisch völlig zureichend, weil sie den Klang nicht veränderten. Und genau das war die Fordeung.

Die Sounds selbst wurden schon an den Gitarre-Verstärkern so eingestellt, wie man sie auf der Bühne rausspielte. Für Monoaufnahmen war alles sehr einfach zu handhaben, weil jeder Mixer einem Maschinenkanal zugeordnet war. Für Stereoaufnahmen mußte man manches aber doppelt anlegen.

Weil alles so auf Band kam, wie es aus dem Boxen heraus kam, entsprachen diese Aufnahmen dem Live-Sound. Und weil die Band wohl zu den besten ihrer Zeit gehörte, entsprechen die ersten Aufnahmen der Petards auch heute noch höchsten klanglichen Ansprüchen.

Die Playbacks der ersten Single CCA 5021 wurden am gleichen Tage sowohl in Mono als auch in Stereo aufgenommen, weil in der Zeit noch manche Sender in mono rausspielten und wir während der Aufnahme noch nicht entschieden hatten, welche Fassung auf den Markt kommen sollte. Die Playbacks sind somit, um es richtig zu verstehen, auch unterschiedliche Einspielungen, und auch die Gesangsversionen sind nacheinander aufgenommen worden und unterschiedlich. Für Sammler mag das von Bedeutung sein, denn der Klang der Sterioversionen ist räumlicher.

Nach Beurteilung der gegenwärtigen Situation haben wir uns dann für die Veröffentlichung der Monoversion entschieden, bei der alles aus der Mitte kommt.

Diese 1. Pressung hat eine eingestanzte Katalognummer und ist nur noch in wenigen Stückzahlen ungespielt bei uns im Versandkarton vorhanden.

Wegen der Nachfrage beim Vertrieb Metronome mußte nachgepreßt werden, und weil bei Presserei Pallas die Mutter-Matrizen nicht aufzufinden waren, mußten beide Seiten der Aufnahmen neu überspielt werden. Das sind die ursprünglichen Originalaufnahmen, und die 2. Auflage ist nur erkennbar an der eingeritzten Katalognummer. Und weil bei Druckerei Schmidt nicht ausreichend viele Etikettenvordrucke in Oker vorhanden waren, wichen wir auf violette Etiketten für den Rest aus. Bei diesen Singles mit violetten Etiketten handelt es sich also auch um die Ursprungsversion, die sich nur durch die Etikettenfarbe und die Art der Nummer unterscheidet.

Inzwischen nach mehr als 60 Jahren hat der Sammlermarkt die Preise selbst geordnet. So sind die Oker-Singles der 1. Auflage mit gestanzter Nummer schon fast unbezahlbar, die Singles mit den violetten Etiketten und den geritzten Nummer sind aber niedriger im Preis als die mit den Oker-Etiketten.

Wir hatten uns entschlossen, die Stereoversion auf den Markt zu bringen.

Diese Pressung haben wir bei Lamping in Auftrag gegeben und dazu ein schwarzes Etikett verwendet wie beim Vertrieb Metronome üblich, aber das Gewicht war um einige Gramm geringer. Weil man diese Platten etwas leichter biegen konnte, verlangten wir eine Ersatzauflage, aber auch die war unter dem Gewicht bei Pallas. Deswgen haben wir diese Single nicht auf den Markt gebracht. Diese Sterioversionen haben demzufolge nur einige wenige Sammler. Aber wer etwas auf Sound gibt, sollte beide Versionen haben, denn es ist durchaus ein Genuß, beide nacheinander zu hören.

Es war die Zeit, als sich das Fernsehen auf den Weg machte. Durch unsere Ariola-Kontakte waren wir mit diesen Sendern in Gesprächen, und es war uns möglich, mehrere TV-Sendungen für die Petards anzubahnen.

Weil einer der Bandmitglieder ein guter Fotograf war und uns mit Bildern versorgte, konnten wir auch bei den Musikzeitungen einiges bewirken. Der Band hatten wir einen Maßnahmen-Plan mitgegeben, und die war auch sehr bemüht, vieles von dem in die Tat umzusetzen. Alles war auf dem rchtigen Weg, und es machte Sinn, eine Folge-Single zu machen, die dann unter der Nummer CCA 5033 erschien.

Danach wechselte die Band zu einer anderen Firma und brachte viele weitere Aufnahmen heraus, wurde irgendwann sogar einmal die Beatband Nr. 1 in Deutschland, aber die teuerste Platte der Petards ist aus unserer Sicht wohl die erste Single, die CCA 5021 mit dem Oker oder violetten Etikett.

Das Buch über den Werdegang der Band. Bitte klicken Sie hier